Probleme im Projekt frühzeitig lösen

Lesedauer 6 Minuten

Was zunächst nach einem kleinen Problem aussieht, kann sich über Wochen zu einem strukturellen Projektproblem entwickeln. Und irgendwann wird dann aus einer kleinen Verzögerung ein echter Engpass, eine projektgefährdende Krise. Das Entscheidende ist deshalb nicht nur, ob dein Projekt aktuell im Plan liegt. Entscheidend ist, ob die Voraussetzungen dafür gegeben sind, dass es auch weiterhin erfolgreich voran schreitet.

In diesem Artikel stelle ich dir deshalb fünf Fragen vor mit denen du sofort siehst, ob du aktiv werden musst. Am Ende findest du außerdem den Link zum Projektfrühwarncheck – ein noch ausführlicherer Fragebogen. Völlig gratis zum Download.


Warum Projekte selten plötzlich scheitern

Ein Projekt scheitert normalerweise nicht an einem einzigen schlechten Tag. Es sind die vielen kleinen Dinge, die sich über einen längeren Zeitraum aufsummieren. Und irgendwann merkt dann auch der letzte im Team:

Wir arbeiten ständig, aber wir kommen nicht wirklich weiter.

Genau deshalb solltest du Projektsteuerung und Controlling nicht mit Statusberichten verwechseln.
Ein Projektstatus kann dir im Idealfall sagen, wo sich das Projekt aktuell befindet. Er sagt dir aber nicht automatisch, warum du dort stehst oder ob sich gerade ein Problem entwickelt. Die entscheidende Aufgabe guter Projektsteuerung besteht deshalb darin, Probleme möglichst früh sichtbar zu machen. Und dafür helfen diese 5 einfache Fragen mehr als ein weiteres Reporting.

Frage 1: Können alle Beteiligten das Projektziel gleich erklären?

Das klingt banal, ist es aber nicht. Frag einmal fünf Personen aus deinem Projekt:

„Was wollen wir mit diesem Projekt eigentlich erreichen?“

Wenn du fünf unterschiedliche Antworten bekommst, hast du ein Problem. Denn ein Projektziel sollte nicht nur irgendwo in einem Projektauftrag stehen. Es muss verstanden werden!

Von der Führungskraft, vom Projektleiter, vom Team, von wichtigen Stakeholdern und – je nach Projekt – auch vom Kunden. Wenn jeder eine andere Vorstellung davon hat, was am Ende erreicht werden soll, entstehen zwangsläufig unterschiedliche Prioritäten. Dann arbeitet das Team möglicherweise effizient, aber nicht unbedingt am richtigen Ergebnis.

Was du konkret tun kannst

Stelle die Zielfrage bewusst neu:

„Woran erkennen wir in drei Monaten, dass dieses Projekt erfolgreich war?“

Lass wichtige Beteiligte zunächst unabhängig voneinander antworten und vergleiche anschließend die Antworten. Wenn sie stark voneinander abweichen, solltest du nicht einfach weitermachen.

Dann braucht dein Projekt zunächst Klarheit über das Zielbild.

Definiere gemeinsam:

  • Was soll konkret erreicht werden?
  • Warum ist dieses Ergebnis wichtig?
  • Was gehört zum Projekt und was nicht?
  • Woran messen wir Erfolg?
  • Welche Ergebnisse haben höchste Priorität?

Damit wird aus einer Aktivität ein erwartetes Ergebnis.

Frage 2: Wird der Projektumfang immer größer?

Eine der häufigsten Ursachen für Probleme in Projekten ist ziemlich simpel: der so genannte scope-creep sprich der Umfang wächst laufend an. Eine zusätzliche Funktion, eine weitere Anforderung, noch ein Stakeholder-Wunsch, noch eine Schnittstelle.

Noch ein „Das wäre eigentlich auch noch wichtig“.

Das Problem dabei ist, dass Zeit, Budget und Ressourcen meistens nicht im gleichen Maß mitwachsen. Und trotzdem erwartet das Unternehmen mehr Leistung mit denselben Rahmenbedingungen. Das ist keine nachhaltige Agilität, sondern schlicht ein wachsendes Risiko.

Was du konkret tun kannst

Nicht jede neue Anforderung muss automatisch abgelehnt werden, aber jede Veränderung sollte eine bewusste Entscheidung auslösen.

Stelle bei neuen Anforderungen deshalb immer drei Fragen:

1. Was bringt diese Änderung für den Projekterfolg?

2. Was kostet sie an Zeit, Budget und Ressourcen?

3. Was lassen wir dafür weg oder verschieben wir?

Denn genau diese dritte Frage wird häufig vergessen. Wenn etwas Neues dazukommt, muss nicht zwingend alles andere weiterlaufen. Mehr Umfang ohne neue Kapazität bedeutet fast immer auch mehr Risiko. Deshalb braucht dein Projekt eine klare Priorisierung und einen bewussten Umgang mit Veränderungen.

Frage 3: Wird viel besprochen, aber wenig entschieden?

Meetings sind nicht automatisch Fortschritt. Das klingt selbstverständlich, wird in Unternehmen aber erstaunlich häufig vergessen. Ein Projekt kann hervorragend organisiert wirken mit regelmäßigen Jour-fixes, Statusmeetings, Abstimmungen oder Workshops und trotzdem bewegt sich kaum etwas.

Warum?

Weil niemand entscheidet. Dann wird dieselbe Frage im nächsten Meeting erneut diskutiert. Und im übernächsten wieder und währenddessen wartet das Team.

Was du konkret tun kannst

Trenne konsequent zwischen: Problemen, Aufgaben und Entscheidungen.

Für offene Entscheidungen reicht häufig eine sehr einfache Liste:

Frage                                                                              Beispiel

Welche Entscheidung ist offen?                           Variante A oder B?

Wer entscheidet?                                                       Projektauftraggeber

Bis wann?                                                                     15. September

Was passiert ohne Entscheidung?                       Entwicklung verzögert sich um 2 Wochen

Damit wird aus einem diffusen Problem eine konkrete Führungsaufgabe.

Und genau das ist entscheidend:

Projekte hängen häufig nicht an fehlenden Aufgaben. Sie hängen an nicht getroffenen Entscheidungen. Wenn du also bemerkst, dass dein Projekt immer mehr Abstimmungen benötigt, solltest du nicht automatisch noch ein Meeting ansetzen.

Frag dich zuerst: Welche Entscheidung fehlt eigentlich?

Frage 4: Ist dein Team ständig beschäftigt, aber der Fortschritt kaum sichtbar?

Hier lauert eine besonders gefährliche Illusion: Beschäftigung sieht aus wie Fortschritt.

Menschen arbeiten, E-Mails werden geschrieben, Meetings finden statt, Tickets werden bearbeitet, Dokumente werden erstellt und trotzdem ist manchmal kaum erkennbar, welcher konkrete Wert tatsächlich entstanden ist. Das Problem ist dann nicht unbedingt mangelnde Leistung. Vielleicht arbeitet dein Team sogar sehr engagiert.

Aber: Aktivität ≠ Fortschritt. 🤯

Was du konkret tun kannst

Verlagere deinen Blick von der Auslastung auf den tatsächlichen Fortschritt.

Frage regelmäßig:

  • Was wurde tatsächlich fertiggestellt?
  • Welcher konkrete Wert ist entstanden?
  • Was verhindert gerade den nächsten Schritt?
  • Welche Aufgabe blockiert andere?
  • Wo warten wir?
  • Was müsste entschieden werden, damit Arbeit weiterfließen kann?

Besonders wichtig ist dabei der letzte Punkt. Denn wenn dein Team permanent neue Aufgaben startet, aber wenige Dinge wirklich fertigstellt, entsteht schnell ein hoher Work-in-Progress.

Das Ergebnis:

Viele offene Themen, Abhängigkeiten und Unterbrechungen und wenig sichtbarer Fortschritt.

Weniger gleichzeitig anfangen und mehr konsequent fertigstellen kann deshalb manchmal einen größeren Effekt haben als noch mehr Ressourcen.

Frage 5: Ist dein Projekt eine Melone – außen grün und innen rot?

Das ist für mich eines der interessantesten Warnsignale.

Auf dem Papier:

🟢 Zeitplan: grün

🟢 Budget: grün

🟢 Ressourcen: grün

🟢 Risiken: grün

Und trotzdem herrscht im Projekt eine ganz andere Stimmung. Das Team ist angespannt, der Go-live wird immer wieder verschoben, Stakeholder fragen ständig nach, Entscheidungen fehlen und alle wissen irgendwie, dass etwas nicht stimmt.

Aber der Statusbericht bleibt trotzdem grün.

Dann solltest du genauer hinschauen. Denn ein Statusbericht ist nur so gut wie die Informationen, die dir zur Verfügung stehen.

Ergänze deine klassische Statusbetrachtung um qualitative Fragen:

  • Wie fühlt sich das Projekt für das Team tatsächlich an?
  • Wo gibt es aktuell die größten Unsicherheiten?
  • Welche Probleme werden immer wieder angesprochen?
  • Welche Entscheidungen werden vermieden?
  • Welche Risiken bereiten den Beteiligten tatsächlich Sorgen?
  • Wo klaffen offizieller Status und Realität auseinander?

Manchmal liefert dir ein ehrliches Gespräch mit den Beteiligten mehr Erkenntnisse als zehn Seiten Reporting. Denn ein Projekt sollte nicht nur grün aussehen, es muss gesund sein.

Was tun, wenn dein Projekt bereits ins Rutschen geraten ist?

Jetzt kommt die vielleicht wichtigste Frage:

Was mache ich, wenn ich beim Lesen gerade mehrere Punkte wiedererkenne?

Zunächst einmal: Ruhe bewahren. 😉

Ein Projektproblem bedeutet nicht automatisch, dass dein Projekt gescheitert ist. Aber es bedeutet, dass du nicht einfach weitermachen solltest wie bisher, denn genau das verschärft viele Probleme.

Stattdessen würde ich zunächst 3 Dinge tun:

1. Ziele hinterfragen und klären

    Hole die wichtigsten Beteiligten zusammen. Nicht für einen weiteren allgemeinen Statusbericht, sondern für eine klare Frage:

    • Was muss dieses Projekt tatsächlich erreichen?

    Wenn hier bereits unterschiedliche Vorstellungen bestehen, liegt dort dein erster Hebel.

    2. Die größten Blockaden identifizieren

    Versuche nicht gleichzeitig 20 Probleme zu lösen, sondern frage dich:

    • Was verhindert aktuell tatsächlich den Fortschritt?

    Vielleicht ist es eine fehlende Entscheidung, vielleicht eine Abhängigkeit oder ein Ressourcenproblem. Vielleicht aber auch eine unklare Verantwortung. Oder der Projektumfang ist schlicht zu groß geworden. Fokussiere dich zunächst auf die wenigen Punkte, die den größten Einfluss auf den Projektfortschritt haben.

    3. Entscheidungen erzwingen und nicht Meetings vermehren

    Für jedes kritische Thema sollte klar sein:

    • Was muss entschieden werden?
    • Welche Optionen gibt es?
    • Wer entscheidet?
    • Bis wann?
    • Was passiert, wenn keine Entscheidung getroffen wird?

    Das schafft Klarheit und bringt Verantwortung dorthin zurück, wo sie hingehört.

    So startest du Projekte von Anfang an besser

    Noch besser als ein Projekt zu reparieren? Es gar nicht erst unnötig ins Rutschen zu bringen. Deshalb lohnt es sich bereits vor dem Projektstart, einige grundlegende Dinge zu klären.

    🎯 1. Ein gemeinsames Zielbild schaffen

    Alle Beteiligten müssen wissen, was am Ende anders sein soll als heute.

    Nur so können kreative und innovative Lösungen gefunden werden.

    👥 2. Verantwortlichkeiten eindeutig definieren

    Nicht nur auf dem Papier. Jede wichtige Aufgabe und Entscheidung benötigt verantwortliche Personen.

    Hier gilt das Highlander-Prinzip: Es kann nur eine/einen geben.

    🚦 3. Risiken früh sichtbar machen

    Nicht erst dann, wenn sie eingetreten sind.

    Frage bereits zu Beginn: Was könnte dieses Projekt gefährden?

    Und was können wir bereits heute tun, um dieses Risiko zu reduzieren?

    🔗 4. Abhängigkeiten sichtbar machen

    Welche Teams, Lieferanten, Entscheidungen oder Systeme beeinflussen den Projektfortschritt? Je früher diese Abhängigkeiten sichtbar sind, desto besser lassen sie sich steuern.

    📊 5. Fortschritt über Ergebnisse betrachten

    Nicht nur: „Wie viele Aufgaben wurden erledigt?“

    Sondern: „Was ist dadurch tatsächlich entstanden?“

    🔄 6. Regelmäßig reflektieren

    Ein Projektplan ist kein in Stein gemeißeltes Dokument – ganz im Gegenteil. Veränderungen gehören dazu. Gerade bei agilen Projekten ist das sogar eine Stärke.

    Entscheidend ist, ob ihr sie bewusst steuert. Projektmanagement war und ist immer der Tausch von Zufall und bewusstem Irrtum.

    Fazit: Früh erkennen statt später reparieren

    Ein gutes Projektmanagement bedeutet nicht, dass gar keine Herausforderungen entstehen. Das wäre unrealistisch. Gutes Projektmanagement bedeutet vielmehr, Probleme früh zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben.

    Genau dafür habe ich einen kostenlosen Projekt-Frühwarncheck entwickelt. Damit kannst du in wenigen Minuten einschätzen, ob dein Projekt noch gesund läuft oder ob du bereits gegensteuern solltest.

    https://agipro.at/praxistool-projekt-fruehwarncheck/

    Wenn du dabei feststellst, dass es an Klarheit, Steuerung oder Struktur fehlt und du einen neutralen Blick von außen brauchst, dann melde dich bitte sehr gerne bei mir.

    Schreib deine Erfahrung gerne in die Kommentare.

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